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Nichts ist tödlicher als das Paradies
BBM
von Thomas Spring, Berlin
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"Es funktioniert überall, bald rastlos,
dann wieder mit Unterbrechungen. Es atmet, wärmt, ißt.
Es scheißt, es fickt. Das Es... Überall sind es Maschinen
im wahrsten Sinne des Wortes: Maschinen von Maschinen, mit ihren
Kupplungen und Schaltungen. Angeschlossen eine Organmaschine an
eine Quellenmaschine: der Strom, von dieser hervorgebracht, wird
von jener unterbrochen. Die Brust ist eine Maschine zur Herstellung
von Milch, und mit ihr verkoppelt die Mundmaschine... In diesem
Sinne ist jeder Bastler, einem jedem seine kleine Maschine... Was
eintritt sind Maschineneffekte, nicht Wirkungen von Metaphern."

So beginnt der "Anti-Ödipus"
von Deleuze und Guattari, ein Buch, zu dem ich immer wieder greifen
wollte, wenn ich etwas mit BBM zu tun hatte. Aber läßt
sich mit dieser Theorie der Wunschmaschinen etwas Interessantes
über die Maschinenperformances der Gruppe BBM sagen? Macht
es überhaupt Sinn, über die Kunst dieser Gruppe in theoretischen
Zusammenhängen zu reden? Wieviel wird zerstört, wenn man
BBM ernsthaft einer hermeneutischen Prozedur unterzieht?
Die Arbeit der Gruppe BBM zu beschreiben, ist ein
heikles Unterfangen, das schnell dazu verführt, mit Begriffen
der soziologischen und politischen Theorie zu hantieren. Aber was
wäre ermüdender als ein zu ernst gemeinter und theoretischer
Beitrag über die durchaus komischen Momente sinnlicher Erfahrung,
die der Kunst von BBM ganz wesentlich sind?
Dennoch: Um was geht es (bei) BBM?
In den Performances von BBM wird eine kunstinteressierte
Community mit (Bewegungen von) Maschinen konfrontiert, die nur für
diesen Zweck konstruiert sind. Es geht um die Herstellung einer
artifiziellen oder anders jedenfalls nicht herstellbaren Erfahrung.
Diese Erfahrung wird nur in Veranstaltungen möglich, die in
wechselnder Versuchsanordnung Menschen und Maschinen in ein dem
üblichen Gebrauch entgegengesetztes Zweckverhältnis setzen.
Der Name wird häufig als Parodie auf den Rüstungskonzern
MBB verstanden. Das ist eher ein willkommener Nebeneffekt, BBM bedeutet
vielmehr und zunächst "Beobachter der Bediener von
Maschinen". Dieser Zusammenhang und nicht die Maschinen
als Kunstobjekte oder Skulpturen beschreibt die wesentlichen
Erfahrungsmomente, um die es BBM geht. Es ist eine künstlich
erzeugte Erfahrung des Sozialen, vermittelt durch das Spiel mit
Apparaten und ihrer kulturellen, politischen und zivilisatorischen
Bedeutung am Ende des 20. Jahrhunderts. Dies schließt ihr
Gefährdungs-, Zerstörungs- oder Selbstzerstörungspotential
von selbst mit ein:
"Die Maschine ist das Ding des 20. Jahrhunderts.
Es ist naheliegend, sich nicht mit Kirche oder Landwirtschaft zu
beschäftigen, sondern mit dem, was unser Jahrhundert mehr pägt,
nämlich die Maschine und Maschinengewalt.

Der zweite Grund ist, daß der Einfluß,
den Kunstwerke auf Menschen haben können, sich erheblich steigern
läßt, indem man die Leute nicht nur entweder auf einem
geistigen oder einem visuellen Niveau anspricht, sondern beides
über das Körperliche zusammenzubringen versucht. Gemeint
ist: Berührung, Lärm, Geruch, inszenierte Auffahrunfälle
usw. als Mittel der Kunst. Da schwelt in uns so eine Synästhetik-Idee.
Das ist unser Konter-Traum zum Konzept Gesamtkunstwerk, wenn wir
sagen, nur Performance kann Effekte bringen, die wir wollen. Nicht
einfach etwas hinstellen und rattern lassen, nicht nur schlau drüber
reden, sondern es einbinden in einen Zusammenhang, der alle Sinne
anspricht, alles mit dem Ziel, den Kopf in Gang zu halten.
Ich will nicht behaupten, daß Bilder einen weniger
starken Eindruck hinterlassen als Kunst, die auf alle Sinne zielt,
ganz und gar nicht, aber uns hat der Zusammenhang zwischen Bediener
und Maschine interessiert, weil er das ist, was unsere Umwelt wahrscheinlich
am meisten geprägt hat. Unsere gesamte Lebens- und Seherfahrung
ist durch das Bedienen verändert worden, hat uns libidinös
gemacht: jeder will heute ein BBM werden, ganz egal, ob das M nun
PS-stark ist oder nur ein popeliges 2-Watt-Taschentelefon.
Diesen Ansatz haben wir versucht zu radikalisieren,
soweit das eben möglich ist. Soweit, daß die Grenze der
physischen Gewalterfahrung eben erreicht war. Das ist ein schwieriges
Austarieren gewesen. Den psychischen Effekt eines solchen Ereignisses,
also das Locken mit der Sensation und die Faszination an Zerstörung,
die die Leute da hinzieht, die negativen und positiven Implikationen
dieser Faszination von Gewalt zu verdichten, greifbar werden zu
lassen, das hat uns interessiert.
Wir wollten sie sich selbst bei ihrer Schau- und Sensationslust
erwischen lassen und sie einen Moment festhalten, wenn sie bemerken,
daß sie da immer tiefer hineingeraten und nicht mehr einfach
weggehen oder sich zurückzuziehen können, den kurzen Moment
länger eben, den sie brauchen, um zu bemerken, daß sie
drin sind und da erst mal durch müssen, bevor sie wieder rauskönnen,
also genau der Augenblick, vor dem sie sonst fast immer flüchten,
wenn sie die Wahl haben." (Aus einem Gespräch mit BBM,
David Artichouk, Olaf Arndt, Berlin im März 1999)
Angefangen haben BBM im Mai 1989 in der Berliner Galerie
Paranorm mit einer Ausstellung, nicht mit einer Performance. Aber
aus dieser Ausstellung von "Lärmerzeugenden elektromechanischen
Automaten" hat sich sehr schnell die Ereignisform der Maschinenperformance
als Versuchsanordnung für Beobachter von Bedienern von Maschinen
entwickelt.
Mit der "Corrida", so das programmatische
Motto der "P 1", der ersten Maschinenperformance,
beginnt noch im September 1989 eine Serie von 25 großen Veranstaltungen
und zahllosen kleinen Aktionen, die unter immer ähnlich sinnfälligen
Titeln (Die Revolution fängt immer unten an, Dieser Wahnsinn
muß ein Ende haben usw.) die Angstlust, das Sensationsbedürfnis
und die Maschinenfaszination des Publikums ironisch zusammenbinden.
Über den Reiz, ein Kunstpublikum mittels komisch wirkender
Maschinen gefährlich erscheinenden Situationen auszusetzen,
erarbeitet sich BBM zu Beginn der 90er Jahre schnell den Ruf, heitere
Exzesse zu inszenieren, die allerdings bisweilen heikel werden können.
Zu den Performances gehört immer eine satirische
Publizistik in Form von Zeitungsinterviews, Plakaten, Flugblättern,
Handzetteln, die das Motto und seine soziale und politische Verwicklung
transportieren und Voreinstellungen beim Publikum hervorrufen sollen.
Die Überwindung administrativer, politischer
und finanzieller Schwierigkeiten ist Teil des Konzepts, wird ausgespielt
und macht so den parodistischen Umgang mit Firmen-, Konzern- und
anderen autoritativen Organisationsstrukturen möglich, aber
auch notwendig.
Als Veranstalter komplexer Events muß BBM sich
anpassen und dies geschieht über die Parodie der wirklichen
gesellschaftlichen Macht, zu der Künstler bekanntlich keinen
Zugang haben. Kurz gesagt: Die Performances kosten Geld und BBM
muß bei der Marketingabteilung des möglichen Sponsors
überzeugend und das heißt augenzwinkernd
von gleich zu gleich auftreten. Das ist die Firma BBM, die Bank,
das Unternehmen, die Organisation.
Überraschend, daß manche Sponsoren wie
VARTA oder die DEUTSCHE BAHN der Gruppe seit Jahren die Treue halten,
während andere es nicht lieben, mit ansehen zu müssen,
wie ihr Name unvermutet aber zutreffend während irgendwelcher
Kunstereignisse, die ihr Geld bezahlt, mit Rüstungsproduktion
in Zusammenhang gebracht wird: Scheitern nicht als Chance, sondern
als Schicksal.
In ihrem subversiven Anarchismus ist die Gruppe sicher
von Ideen situationistischer Protagonisten und von den frühen
Maschinenevents der kalifornischen Survival Research Laboratories
von Mark Pauline beeinflußt. Aber jeder Versuch, Bestimmungen
von dieser Seite aus zu treffen, läuft ins Leere, weil ein
genuiner Ansatz verfolgt wird, der im zehnten Jahr der öffentlichen
Präsentation und Auseinandersetzung immer wieder neue und überraschende
Themen und Formentwicklungen produziert.
Auch bleibt die Gruppe in ihrer Zusammensetzung nicht
dieselbe, es kommen neue Künstler hinzu, andere verlassen den
Arbeitszusammenhang. Getragen und vorangetrieben wird er vor allem
von Olaf Arndt und David Artichouk. Seit 1996 arbeiten zunehmend
Frauen in der Gruppe. Janneke Schönenbach erfindet außer
Maschinen auch eine neue Corporate Identity für BBM, die erste
nicht para-politische Selbstinszenierung der Gruppe.
Die eigentlichen Akteure in der BBM-Show jedoch bleiben
die Bediener von Maschinen und natürlich die Maschinen selbst.
Jenseits der Performances bedeuten diese Anti-Skulpturen wenig oder
nichts und werden dementsprechend nie als ästhetische Objekte
angesehen. Sie dienen als Organbank, als Ausschlacht-Objekte und
Ersatzteillager für die Konstruktion anderer Maschinen für
neue Performances.
Dennoch gehorchen die Maschinen identischen Prinzipien
der Funktion und einer erkennbar durchgehenden Ästhetik, die
dem Herstellungsverfahren zuzuschreiben ist. Ihr Aussehen macht
von vornherein deutlich, daß es sich um den gewollten Nullpunkt
der Ingenieurskunst handelt.
Schrottästhetik, provisorisch zusammengelötet,
deutlich Bastelarbeit.
Gemessen am technischen Standard und Design heutiger
Anlagen hat man es beim Maschinenpark von BBM nicht mit State-of-the-Art-Technik
zu tun, sondern mit einem blutigen Witz.
Es bleibt interessant, daß Menschen, die aus
einem weniger avancierten Erfahrungsraum der Modernisierung stammen,
diesen Witz nicht oder nur schwer verstehen und tatsächlich
ernsthaft nach einem Gebrauchszweck dieser Geräte suchen.
Maschinen, Bediener und ihre Beobachter bilden eine
Erfahrungs- und Produktionseinheit, die Bereiche öffnet, zu
deren Beschreibung die Theorie der Wunschmaschinen fruchtbar ist:
"Die technischen Maschinen funktionieren
offensichtlich nur unter der Bedingung ihres störungsfreien
Verlaufs. Die Wunschmaschinen demgegenüber stören fortwährend
ihren Funktionsablauf und laufen nur als gestörte: stets pfropft
sich das Produkt dem Produzieren auf, bilden die Maschinenteile
auch den Treibstoff. In der Kunst kommt diese Eigentümlichkeit
oft darin zur Anwendung, daß wirkliche Gruppenphantasien geschaffen
werden, die die gesellschaftliche Produktion mit der Wunschmaschine
gewissermaßen kurzschließen und damit in die Reproduktion
der technischen Maschinen eine Störfunktion einführen."
Alle Künstlermaschinen folgen in irgendeiner
Weise dieser Beschreibung, ob es sich um Duchamps Junggesellenmaschine,
den Schreibautomaten aus Kafkas Strafkolonie oder die großen
Selbstzerstörungsautomaten von Tingeley handelt. Auch die Maschinen
von BBM gehören dazu, nur daß der Begriff der Maschine
auf die Performances selbst ausgedehnt werden muß. Bei BBM
werden Maschinen nicht nur betrachtet, sondern man tritt mit ihnen
in Interaktion und wird nach der Theorie der Wunschmaschinen
- gleichsam angeschlossen.
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